re:publica 11 “Der König mit der roten Krone”
#hach Wir haben gestern Abend die Erlaubnis bekommen zwei Blogeinträge aus dem Blog von @lao_tse vom Blog mondspiegel.de als Crosspost zu veröffentlichen. Trifft genau unseren Humor! Wir haben ja schon mit “Show your fucking face” oder die re:publica 11 unsere Meinung kund getan. Schön geschrieben!
Wenn man ganz kurzfristig ein Ticket für eine Veranstaltung bekommt, von der man so im Großen und Ganzen eher noch gar nichts mitbekommen hat, außer der Berichterstattung der latent überforderten Endzeitmedien, dass es sich um das Treffen einer Gruppe Verrückter handele, die einmal im Jahr gen Berlin pilgern – so sie denn nicht ohnehin zur Digital Bohème zählen, die dort ja exklusiv ansässig ist – um ihrem Guru zu huldigen, dann sollte man sich besser informieren und sich medial auf ein nicht allzu peinliches Niveau hieven.
Was gehen da bloß für Leute hin und wer ist dieser eigenartige Mann mit der Oberlippenmatte und der befremdlichen Anbiederungsfrisur, den man für den Anführer dieser Leute hält und über den der SPIEGEL so gerne schreibt? Dass der Sascha Lobo genannt werden möchte, habe ich schon mitbekommen, auch, dass er ständig von den Endzeitmedien zu allen möglichen das Internet betreffenden Dingen verhört wird, wohl weil die Medienfröschlein ihn sich wegen seiner markanten Frisur besonders gut merken können. Ich habe einmal ein Interview mit ihm auf Funkhaus Europa gehört, wo er irgendwas über Facebook erzählt hat, im Sinne von, dass es da auch Fake gebe, weswegen das aber trotzdem ein Marketing-Instrument sein könnte, oder so ähnlich. Vielleicht ging’s auch um Ägypten – ich hab nicht richtig zugehört. Aber ich mochte seine Stimme. Die hatte ein recht angenehmes Timbre.
Insgesamt wirkte die Vorstellung, es handle sich bei der re:publica um eine an eine Messe gemahnende religiöse Veranstaltung, nicht plausibel, also begab ich mich auf Recherche und studierte das Programm und die Listen der Redner dieses und vergangener Jahre. Ich war schockiert!
Nicht nur würde es hunderte von Veranstaltungen und noch mehr Redner geben, nein, auch das Feld der Vortragenden und ihrer Themen hatte in Breite wie Tiefe Panikpotential. Wie sollte ich eine Schneise der Erkenntnis in dieses Informationsdickicht schlagen? Wie würde es den Veranstaltern gelingen, einen Bogen von Design Thinking über klitoralen Aktivismus im Netz bis hin zu Pony-Pornos zu spannen? Wie passte dies in eine Reihe mit Vorträgen zur Beschaffenheit der Heavy User (Internet) von Peter Kruse aus dem letzten Jahr? Und wo war der spirituelle rote Faden, der derartigen Synoden üblicherweise innewohnt?
Um diesem Geheimnis auf den Grund gehen zu können, würde ich um keinen Preis als Nicht-Initiierter auffallen dürfen. Erster Schritt war für mich also, meinen Twitter-Account zu reaktivieren, der dann doch schon seit zweieinhalb Jahren darauf wartete, dass ich meinen dritten Tweet verfasse, und dann vielleicht noch einen vierten usw. Umso erstaunter war ich, dass es den überhaut noch gab und ich mich sogar noch an das Kennwort erinnerte. Womöglich eine Fügung des Schicksals? Natürlich würde mich meine magere Statistik sofort als nicht Tweet-affines Gesindel entlarven, aber vielleicht würde einfach niemand draufschauen.
Zweiter Schritt: Wecker auf 4:00 Uhr stellen, zweiten Wecker daneben legen und darauf hoffen, dass ich den Zug um 5:06 Uhr gen Berlin erwischen würde.
Dritter Schritt: Augen zu!
Im Nordwesten der Republik dämmert ein wunderschöner Tag heran, in Berlin begrüßt mich grauer Regen, der den Schmutz auf den Straßen gerechter zu verteilen sucht, wie es sich für eine Hauptstadt gehört. Gewaltige Schlangen bei der Akkreditierung im Friedrichsstadtpalast, das WLAN ebenso hoffnungslos überbucht wie UMTS, Namensschilder müssen noch per Stift (!) um das Twitter-Pseudonym ergänzt werden – die digitale Gesellschaft schwelgt in Nostalgie und leidet fröhlich unter der technologischen Unterversorgung durch die Kommunikationsgiganten (wie viel Geld haben die noch gleich für die UMTS-Frequenzen rausgeworfen? Nur damit gerade mal das Einchecken über foursquare funktioniert?).
So nimmt es nicht Wunder, dass der Netizen in mir eine bissige Anamnese der Inkongruenz zwischen den Wahnvorstellungen des Marketing und der tristen Wahrheit des mobilen Zeitalters erwartet. Was stattdessen kommt, lässt mich ratlos zurück: ein Vortrag zu Design Thinking! „Design ist zu wichtig, um es Designern zu überlassen“, sagt der vortragende Designer. Das hat die Wucht und Präzision, als würde Sigmar Gabriel sagen, Politik sei zu wichtig, um sie Politikern zu überlassen. Oder unser Sonnensystem sei zu wichtig, um es der Sonne zu überlassen. Das könnte George W. Bush gesagt haben. Weiß ich aber nicht genau. Ist auch egal.
Inwiefern kann das aber Motto einer Veranstaltung wie dieser sein? Ach so – der kluge Designer holt sich Meinungen von Leuten ein, die sein Designtes später verwenden müssen. So wie ein Möbeltischler des 16. Jahrhunderts. Zeit wird’s. Später wird das Ganze noch im Quatsch Comedy Club vertieft, in einem Workshop, der keinen würdigeren Ausrichtungsort hätte wählen können. Dort erfährt man dann, dass man durch gezielte Datenerhebung sogar gleich noch herausbekommt, was man wem als nächstes designen könnte. Dabei geht es weniger darum, was jemand braucht, sondern wie man ihm dabei helfen könnte, die Bedeutungslosigkeit seiner Existenz mangels Zeit nicht reflektieren zu müssen. Leider kommt niemand auf die Idee, mir ein Fliwatüt oder einen Materietransporter zu designen (#fail).
Zwischendurch ist dann noch ein Interessantes Phänomen zu beobachten: da hat sich doch tatsächlich ein Unternehmer eingeschlichen, in Person des Chefs eines alternativen Energieversorgers (#lichtblick), der es wagt, das Publikum mit Berichten aus seinem Unternehmen und wie es versucht, die von der Bohème vor Jahren entwickelte und seitdem verinnerlichte 2.0-Kultur zu leben, zu belästigen. Vielleicht ist es einfach keine gute Idee, einer Community ganz selbstbewusst ihre Philosophie erklären zu wollen, vielleicht glaubt man auf dieser Veranstaltung dem Unternehmer aus Prinzip nix, schon gar nichts Innovatives, aber dennoch beschleicht auch mich ein eigenartiges Gefühl der Dissonanz zwischen „er hat ja Recht“ und „warum erzählt er das… hier“, obwohl ich das Konzept vom (schwarm-)intelligenten Powergrid nicht nur interessant, sondern für unsere Gesellschaft überlebensnotwendig finde.
Wahrscheinlich rührt das Unbehagen daher, dass man hier Chamäleon-haft mit der einen umgebenden Masse verschmilzt und die Schwarmattidüde übernimmt. Wenn jetzt noch jeder das eine oder andere Implantat bekommt werden wir wie die Borg, nur cooler, weil wir keine Queen haben.
Dafür haben wir, wie bereits angedeutet, einen König. Den erkennt man daran, dass er eine Krone trägt (eine rote) und seine Kutsche direkt vor dem Palast abstellen darf. Und dass ganz viele Leute um ihn herumstehen. König Sascha ist gut zu seinen Untertanen und interessiert sich ganz in der Tradition anderer aufgeklärter Potentaten für die Wissenschaft. Sein Gebiet der Expertise ist dabei die Trollforschung und er lässt es sich nicht nehmen, das Auditorium mit den neuesten Erkenntnissen zu unterhalten. Mühelos schlägt er die Brücke zwischen scheinbar unaufgeklärtem Forschungsgebiet und Anwendbarkeit auf den Lebenshorizont seiner Untertanen. Doch leider schließt sich auch hier der Kreis nicht, von dem bereits morgens unklar war, wo er beginnt. Keine Perspektive, keine Vision, keine Relevanz für die öffentliche Sache (res publica, meine sehr verehrten Damen und Herren). Der Prince of Wales versucht wenigstens, seine Aufmerksamkeit einem gesellschaftlich relevanten Thema zu widmen, um die Zeit bis zu seiner Regentschaft sinnvoll zu überbrücken, aber vielleicht klappt’s bei ihm deswegen auch nicht.
Nach einem leckeren Falafel auf die Hand und etwas geselligen Beisammensein im Keller der Kalkscheune, endet der Tag wo er begonnen hat: im Bett, wiewohl in einem fremden, von freundlichen Spaniern, die in Berlin 5*-Hotel üben, bereitgestellten. Während das überreizte Bewusstsein allmählich gen Schlummerland dämmert, rekapitulieren die Medienfröschlein im Nachtmagazin den ersten Tag dieser Veranstaltung und bleiben ihrer Linie treu: König Sascha hält Hof und sein Gefolge schart sich bereitwillig um ihn.

